Teil II

Das Werk

Im letzten Artikel (hier geht’s zu Teil I) haben wir uns angesehen, was wir über Achille Marozzos Leben wissen, im heutigen zweiten Teil verschaffen wir uns einen Überblick über sein Fechtbuch, „Opera Nova Chiamata Duello“.

Wir beziehen uns in unseren Arbeitsübersetzungen (und auch generell) auf die erste Ausgabe aus dem Jahr 1536. Bei den nachfolgenden Drucken kam es immer wieder zu Änderungen. Recht sicher ist, dass spätestens bei den letzten beiden Ausgaben sein Sohn Sebastiano seine Finger im Spiel hatte. Solltet ihr euch ein Faksimile, eine Transkription oder eine Übersetzung besorgen, achtet immer darauf, um welche Ausgabe es sich handelt.

Bevor wir im Detail auf den Inhalt von Marozzos Werk eingehen, ist folgendes wichtig: Jede Schrift erlangt ihre Bedeutung erst dann, wenn sie in einen Kontext eingebettet ist. Ein wichtiger Teil dieses Kontextes ist die Zielgruppe. Achille Marozzo richtet sich in seinem Werk explizit und direkt an Fechtschüler, die bereits ausgelernt haben, selbst unterrichten und eine eigene Schule gründen wollen.

Vermutlich Marozzo mit zwei von seinen Schülern.

Holzschnitt aus Marozzo’s Opera Nova (1536)

Es war folglich nie als ein Buch für „alle“ gedacht. Es wendet sich an sehr, sehr weit fortgeschrittene Fechter, die unterrichten wollen – ein Ratgeber für Trainer, wenn man so will. Das erklärt möglicherweise, warum die Basis der Bologneser Schule, das Einzelschwert, eher unterrepräsentiert ist. Wer selbst unterrichten will, der beherrscht es wohl bereits aus dem ff.

Auch die Assalti sind wohl weniger als praktisch anwendbare Technikabfolgen zu sehen, sondern mehr als ein Mittel zum Zweck, mit dem die künftigen Lehrmeister ihre Kunst präsentieren und Schüler anwerben können.

Genau hier liegt auch eine der Schwierigkeiten im Umgang mit Marozzo. Wir sollten im Hinterkopf behalten, dass die Inhalte sehr fortgeschritten sind. Um die Essenz der Bologneser Schule zu begreifen, müssen wir alles in seine Einzelteile zerlegen und uns vor Augen halten, dass Basiswissen von Marozzo nicht erwähnt, sondern vorausgesetzt wird.

Fünf Bücher, sie zu knechten

Marozzos Opera Nova wurde als ein Werk herausgegeben, besteht jedoch aus fünf Teilen, die er selbst als „libri“ (Bücher) bezeichnet. Auf diese Bücher verteilen sich 273 Kapitel.

Das Werk ist umfassend und reich an Detail, darin besteht kein Zweifel. Marozzos blumige Sprache wirkt auf viele recht abschreckend, und – du meine Güte – ja, sie macht die Dinge definitiv nicht einfacher.

Hier trifft eine (bis heute typisch italienische) Flut an Adjektiven und Partizipien auf die verschnörkelten Satzkonstruktionen der Renaissance. Dazu gesellt sich christliche Lobhudelei, wie sie von einem braven Katholiken wohl erwartet wurde.

Marozzo wirft uns auch nicht viele Anker in Form von Satzzeichen zu, während wir durch die Wortflut waten. Da erstrecken sich Sätze teilweise über mehrere Seiten, bevor der lang ersehnte Punkt am Horizont erscheint… Ihr seht schon, es ist eine Hassliebe.

Ein Ausschnitt der Kapitelübersicht des zweiten Buches.

Opera Nova (1536)

1: Pädagogik für Pädaogogen im 16. Jahrhundert

Im ersten Buch beginnt Marozzo mit allgemeinen Ratschlägen für Fechter, die andere unterweisen wollen. Was erklärt man einem neuen Schüler als erstes? Marozzo nach drückt man ihm ein Schwert in die Hand und beginnt mit dem Unterschied zwischen filo dritto und filo falso (rechte und falsche Schneide) und lehrt ihn verschiedene Schnittangriffe von rechts und links (für Interessierte hier ein Video dazu).

Interessant ist, dass zwischen den Zeilen Ansätze heute sehr wichtiger Themen zu finden sind, beispielsweise zum Thema Gruppendynamik oder pädagogischer Psychologie. Der Meister argumentiert, dass man neue Schüler zunächst im geheimen, also getrennt von den anderen, unterichten sollte. Sie könnten sich ansonsten von Zuschauern und anderen Schülern eingeschüchtert fühlen. Wer im Lernprozess ganz am Anfang steht und dabei Angst haben muss, dass andere sich über ihn lustig machen, der wird seinen Mut nicht finden, so Marozzo.

Erst nach einigen Tagen Einzelunterricht wird der Neue in die Gemeinschaft der Fechtschule eingeführt. Er wird nun an einen erfahreneren Schüler verwiesen. Die beiden dürfen ein erstes Mal spielen, also freikämpfen. Wichtig ist Marozzo aber, dass der ältere Schüler nicht nur gut, sondern auch angenehm sein soll. Heute würden wir wahrscheinlich sagen, dass das erste Sparring eine möglichst spaßige und positive Lernerfahrung sein soll (was übrigens nicht gleichbedeutend ist mit „ich lass den Neuen einfach mal schnell gewinnen“).

Zusammengefasst lässt sich aus den ersten Kapiteln schließen, dass das Training unter anderem aus Schrittübungen und Hutenläufen bestand. Das „Spiel“, also der Freikampf mit stumpfen Übungswaffen dürfte eine große Rolle gespielt haben. Aus einer Bemerkung schließe ich auch, dass es am Anfang immer einige Tage brauchte, bis der Schüler die nötige Kraft in den Armen und Handgelenken entwickelte, um am Regelunterricht teilnehmen zu können.

Anschließend beginnt der Technikteil zum Thema Spada & Brocchiero (Schwert & Buckler). Die restlichen Kapitel widmen sich den Assalti für diese Waffenkombination.

Training mit Schwert & Buckler.

Fior della Spada 2021

2: Waffen, Waffen und noch mehr Waffen

Das zweite Buch ist sehr dick und ein wahrer Schatz an Techniken und Abfolgen für verschiedene Waffenkombinationen: Es widmet sich in folgender Reihenfolge den Abbattimenti für

  • Spada & Pugnale (Schwert und Dolch)
  • Pugnale Solo (Einzeldolch)
  • Spada & Cappa (Schwert und Mantel)
  • Pugnale & Cappa (Dolch und Mantel)
  • Due Spade (Zwei Schwerter),
  • Spada & Brocchiero Largo (Schwert und großer Buckler)
  • Spada Sola (Einzelschwert)
  • Spada & Rotella (Schwert und Rundschild)
  • Spada & Targa (Schwert & Targa, ein rechteckiger Faustschild).

Anschließend erklärt Marozzo die Guardie anhand einer Bewegungsabfolge, die er mit Holzschnitten verdeutlicht (hier unser Video dazu). Er gibt auch wieder Ratschläge für den Unterricht und beschreibt verschiedene Übungsformen. Am Ende des Buches gibt es noch Teile über den Kampf…

  • gegen Linkshänder
  • mit Spada & Imbracciatura (Schwert & ein großer tropfenförmiger Schild mit Dorn)
  • gegen Stangenwaffen

3: Das schwere Dingsda

Das dritte Buch ist vergleichsweise dünn. Es beinhaltet Kapitel 161 bis 178 des Gesamtwerkes. Diese befassen sich mit dem Spadone, dem Bologneser Zweihänder. Marozzo beschreibt Assalti, Guardien und den Kampf mit dem Spadone gegen Arme Inastate (Stangenwaffen).

Foto eines Sparrings mit Spadone.

Fior della Spada 2022

4: Das lange Dingsda

Auch das vierte Buch ist sehr kurz. Es umfasst sieben Kapitel, die sich hauptsächlich den Arme Inastate (verschiedene Versionen der Stangenwaffen) widmen.

Stangenwaffen (links) gegen Schwert & Rotella (rechts).

Fior della Spada 2022

5: Ehre, Blut und Selbstjustiz

Das letzte Buch beinhaltet Regeln und Konventionen rund um das gerichtliche Ehrenduell. Wer darf wen wann fordern? Darf der Herr Vater dem Sohnemann verbieten eine Herausforderung anzunehmen? Wann verliert man seine Ehre und wann hat man beim Duell regeltechnisch so richtig Mist gebaut?

Dem fünften Buch hat bisher niemand allzu große Aufmerksamkeit geschenkt. Jherek Swanger es nicht einmal in seine Übersetzung inkludiert. Beides finde ich persönlich sehr schade. Einmal, weil es der Vollständigkeit des Werkes geschuldet wäre und zweitens, weil es viel Kontextwissen enthält. Auch scheint das Thema „Duell“ für Marozzo als Fechter eine vergleichsweise große Rolle gespielt zu haben.

Besonders skurril (zumindest aus heutiger Sicht) ist mir Kapitel 266 aufgefallen. Sehen wir es uns einfach genauer an, damit ihr einen Einblick bekommt. Hier geht es um die Frage, welche Verletzung „ehrenvoller“ sei, falls ein Fechter dem anderen die Nase abschlüge, während er selbst ein Auge oder beide Augen verlöre. Eine knifflige Fragestellung!

Eines der bekanntesten Duelle der Filmgeschichte aus „Die Braut des Prinzen“, 1987

Glücklicherweise werden in dieser Szene weder Augen noch Nasen von ihren Besitzern getrennt.

Quelle: combativecorner.wordpress.com

Über eine Seite lang wiegt Marozzo die Eigenschaften der beiden Körperteile gegeneinander auf. Dem Gegner die Augen herauszuschneiden oder zu stechen sei sehr wirksam. Das Auge sei mit Abstand das vortrefflichste Körperteil und unter anderem Werkzeug von Verstand und Seele. Immerhin verliere der Mensch ohne es die Sicht und werde dadurch nutzlos. Dagegen kommt der Verlust der Nase nicht an – auch wenn sie außerordentlich zur Schönheit beiträgt, so meint er.

ABER: Verliert der Gegner nur ein Auge, so ist er weiterhin kampffähig, das wusste ja bereits Baldo*. Ein Auge reicht bekanntlich zum Sehen. In diesem Fall sei der Verlust der Nase als der größere Ehrenverlust zu werten. Dieser sei die weitaus größere Beleidigung, da der Gegner seine Schmach auf ewig und offensichtlich zur Schau stellen müsse. Besser ist es, mit nur einem Auge ins Paradies zu gelangen, als mit beiden in die Hölle zu fahren, so Marozzo.

Fazit: Schlagt dem Gegner die Nase ab oder seht zu, dass ihr beide Augen erwischt, ansonsten müsst ihr euch eine dunkle Ecke suchen und euch schämen!

Vielleicht schaffe ich es im Laufe der Jahre irgendwann noch ganz durch das fünfte Buch, dann möchte ich es in irgendeiner Form detailliert aufarbeiten. Neben einem tieferen Einblick und vielen Zusatzinformationen, findet sich dort sicher auch noch der eine oder andere Input für Turnierregeln oder Übungen.

*möglicherweise bezieht Marozzo sich hier auf den berüchtigten Condottiere Baldaccio d’Anghiari, ca. 1400-1441, der u.a. mehrmals für die Stadt Florenz ins Feld zog und sich häufiger in Ehrenduellen schlug.

Wir sind doch am Ende angekommen, oder?

Die im Inhaltsverzeichnis angekündigten Kapitel sind alle abgehandelt. Eigentlich wäre Marozzo jetzt doch am Ende seines Werkes angelangt… oder? Nein. Fast wie hingerotzt gibt es da noch ein paar Seiten mit Holzschnitten und auffällig wenig Text, die uns Griffe und Würfe in enger Distanz demonstrieren. Meistens ist ein Pugnale oder eine Daghetta involviert – Dolch oder Stilett.

So wirklich groß kann Marozzos Begeisterung für diese Art von Kampf nicht gewesen sein. Sie passt auch eigentlich gar nicht zu dem Gehabe, das er von ehrbaren Fechtern im Rest des Textes so zu erwarten scheint. Vielleicht hoffte das Management, so die Auflage steigern zu können…? Im Ernst, der Hintergrund über die Entstehung dieses Teils würde mich brennend interessieren.

Immer wieder lese oder höre ich von Vermutungen, Marozzo hätte diesen letzten Teil abgeschrieben, zum Beispiel bei Fiore die Liberi. Obwohl es keine wirklichen Anhaltspunkte dafür gibt, hat diese Frage offensichtlich schon mehrere HEMAisten beschäftigt. Ich verweise an dieser Stelle auf Andrea Morini, der 2014 einen Artikel zu dem Thema publizierte.

Er kommt nach einem Vergleich der waffenlosen Techniken von Fiore, Vadi und Marozzo zu folgendem Schluss: Ähnlichkeiten sind zweifellos festzustellen. Die präsentierten Techniken sind aber sehr grundlegend und ihre Ähnlichkeit damit primär auf anatomische Gründe rückführbar. Morini findet dieselben Ähnlichkeiten, die er zwischen Fiore und Marozzo findet, beispielsweise auch im deutschen Ringen, im Ringen des Altertums, ja sogar in asiatischen Stilen wie Ju Jitsu, so schreibt er.

Zwei Seiten aus dem letzten Teil von Buch Fünf.

Opera Nova (1536)

Mich persönlich wundert es nicht. Gerade in der ursprünglichsten Form der Auseinandersetzung, dem waffenlosen Kampf, passen große Ähnlichkeiten absolut ins Bild. Geht doch mal ein paar Einheiten ins Judo. Und dann geht zum Vergleich ins Luta Livre, BJJ, Ringen… egal was. Ihr werdet Parallelen und Ähnlichkeiten bis zum geht nicht mehr finden, obwohl die Stile oft schon geografisch und geschichtlich meilenweit auseinanderliegen sollten.

Die Unterschiede finden sich nicht im Großen des „Was?“, sondern in den Details des „Wie?“. Der eine Stil hat vielleicht einen ganz eigenen Stand und Fußarbeit, der nächste legt die Sideguard etwas höher an, als die anderen. Der eine geht aktiv nach vorne, während der nächste reaktiv bleibt und so weiter.

Der menschliche Körper hat sich in den letzten Hundertausenden Jahren nicht groß verändert. Unsere Gelenke und glücklicherweise auch die Physik funktionieren überall auf der Welt gleich. So viele Möglichkeiten, jemanden möglichst effizient und schnell auf seinen Kopf zu werfen oder ihm etwas zu brechen gibt es nicht. Zumindest nicht, wenn es funktional bleiben soll.

Dasselbe gilt bis zu einem gewissen Punkt auch im bewaffneten Kampf. Je ähnlicher sich Art der Waffe und Ziel der Kampfkunst oder des Kampfsports sind, umso mehr Parallelen finden wir – oder zumindest ich. Aber vielleicht geht es ja nicht nur mir so.

Wie geht es weiter?

Ihr seht, es gibt noch genug herauszufinden und zu diskutieren, was Marozzo und sein Buch anbelangt. Ich hoffe, der Artikel hat euch einen Überblick verschafft. Wenn ihr Lust auf mehr bekommen habt, klickt euch einfach mal durch die Arbeitsübersetzungen auf unserer Homepage oder unsere BLOGs.

Dies ist sicher nicht unser letzter Beitrag über den bekanntesten Meister der Bologneser Tradition. Bis dahin: Gehabt euch wohl!