Gioco largo und stretto

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Was jeder wissen und verstehen lernen muss, der sich in der sinnreichen Kunst des Schwertes wiederfindet, sind die zwei Arten des Gioco, welche folgende sind: Gioco Largo und Gioco Stretto. Von diesen ist jedem das eine oder das andere die rettende Sache, aber wer ein guter Fechter sein will, muss viel Verstand besitzen und so er gegen jemanden kämpft, der das Gioco Stretto bevorzugt musst du in Gioco Largo so sehr deine Tugend ausspielen, auf dass du ihn besiegst, und so du einen findest, der das Gioco Largo bevorzugt, so musst du im Gioco Stretto gegen ihn fechten können, wie es dir gefällt.


Aber auf welche Weise kannst du dies tun? Es wird dir ein Leichtes sein, so du die Kunst des Fechtens gut verstehst, denn kennst du alle Arten zu fechten, die jemals genutzt werden können, so wirst du mit wahrer Kunst deinem Gegner auf jede Art und Weise entgegenwirken können, ganz wie du es willst, und mit jedem Spieler, auf welche Weise er auch will, weil er nicht solche Hiebe führt, die den genannten ähneln, wirst du den Verstand haben, solche Hiebe führen zu können.

Und von allen Vorgehensweisen, die getan werden können, sollst du die Vor- und die Nachteile kennen und dann wirst du nicht scheitern können und so wirst du, so du einem gegenüberstehst, welcher das Gioco Stretto nutzt, so tun als würdest du im Gioco Largo fechten wollen und mit Schlauheit wirst du ihn im Gioco Stretto verletzen; und genauso wirst du, so du einen anderen Fechter triffst, der ebenfalls im Gioco Stretto kämpft, mit einem Hieb aus dem Gioco Largo treffen, und so wird jener welcher die wahre Kunst beherrscht, jenen, welcher im Gioco Stretto steht, im selben Gioco Stretto erreichen.

Aber weil jemand fragen könnte, was denn nun dieses Gioco Largo und Gioco Stretto sei, und er es nicht wisse und nichts von dieser Sache weiß, so werde ich dir davon darlegen, was das Gioco Largo, und was das Gioco Stretto ist. Ich sage, das Gioco Largo ist sehr anmutig und sehr schön anzuschauen, und es gefällt unzähligen Menschen, und es ist am schönsten zu fechten, und umso gewaltiger das Gioco Largo ist, umso weniger wird einer das Gioco Stretto verwenden; Ihr müsst wissen, dass diese Bezeichnung „Largo“, mit nichts anderem zu tun hat, als dass ganze Hiebe gemacht werden, also solche, die vom Kopf bis zu den Füßen durchgezogen werden, und das Schwert so zu drehen und zum Stehen zu bringen, dass es in einer Guardia Larga steht und man ganz ungedeckt dasteht, und so bleibt man in Largo Passo stehen, und dann ist es wirklich Gioco Largo, so genannt eben aufgrund dieser Verläufe, und vor allem kommt es nie zu Handlungen im Megia Spada mit dem Gegner, und so er doch in so enge Reichweite kommt, so wird er beschämt werden, wo er nichts anderes in sich hat, als Gioco Largo, und will er doch mit Sicherheit in Megia Spada kommen, so muss er sich damit behelfen, das Gioco Stretto zu verstehen. Aber die Schönheit und der Anmut des Gioco Largo und das große Vergnügen von anderen, wenn sie dabei zusehen, ergibt sich aus den anmutigen und weiten Hieben und den flinken Händen, so viel davon möglich ist, und dann folgen anmutige Körperwendungen, begleitet von raschen Schritten, und tut man die schönen Handdrehungen mit Anmut, also Molinetti, Tramazzoni und schöne, weite Falso-Hiebe, und dass du den anderen genau beobachtest, und da er so zum Narren gehalten wird, wird es dem anderen erscheinen, dass jener Bewundernswertes tut, obwohl er eigentlich nichts anderes macht, als jene anmutigen Hiebe aus der Ferne zu führen und dabei flinke Schritte zu gehen, welche anderen so große Freude bereiten.


Will man nun den Vorteil des Gioco Stretto besprechen, so sage ich, könnte man eine endlose Zahl an Gründen anführen und von seinen Vorteilen sprechen; der Gegenstand der Bezeichnung Gioco Stretto kommt daher, dass man mit dem Schwert in der Hand bequem eine Guardia Stretta einnimmt; und führt man einen Hieb, so läuft er nicht über eine andere Guardia stretta hinaus und so hält man das Schwert immer mit der Spitze auf die Hand oder eben den Körper des Gegners ausgerichtet; und schlägt Mezzi colpi, die nicht zum Ende kommen. Und genauso eng stehend mit den Füßen, also in kleinen Schritten, so wird diese Weise natürlich Gioco Stretto genannt. Aber hier muss man geübt darin sein, seine Schwerthand zu hüten, und nicht nur die Schwerthand, sondern den ganzen Körper und man muss listig sein, denn wenn das Gioco Stretto nicht mit Verstand gefochten wird, ist es nicht zum Vorteil, denn dann wird durch das Präsentieren des Schwertes und nicht arglistig seiend großes Unwissen vorgetäuscht. Und es finden sich noch viele, die es als Feigheit betrachten, denn du verstehst, wenn ein Fechter sein Schwert präsentiert, dass man schnell in Megia Spada geht, und in keine andere Guardia, wie man will;

Jedoch sollte jener, der das Gioco Stretto nutzt, gut, wenn nicht viel besser, in den Paraden des Schwertes sein; Und so soll er sein Schwert nie preisgeben, wenn nicht zu seinem großen Vorteil. Und wenn er dazu noch jenes beherrscht, was für das Gioco Largo benötigt wird, so wird er umso überragender sein.

Nun haben wir die anmutigen Weisen der lobenswerten Guardie behandelt und auch, welchen Nutzen der Fechter in welchen Weisen findet, wenn er mit dem Gegner kämpft. Und so wurde auch von der halben Drehung der Hand und von der ganzen gesprochen, welche für das Schwert benötigt werden. Und so auch von den Hieben welche man grundsätzlich einsetzt, und von der Körperdrehung (Volta di persona) und von den Schritten, und vom Tempo; davon, was diesem zugrunde liegt und auf welche Weise man sie formt.

Und von den allgemeinen Meisterschaften soll nun die hohe Kunst des Einzelschwertes behandelt werden.